Wadersloh (mw/bb). Wenn Menschen in einer Notlage die 112 wählen, erwarten sie Rettungskräfte, manchmal kommt aber zunächst der Friseur. Was zunächst ungewöhnlich klingt, beschreibt die Idee hinter den First Respondern des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Wadersloh ziemlich gut. Denn die ehrenamtlichen Ersthelferinnen und -helfer stammen aus der Mitte der Gesellschaft: Handwerker, Angestellte, Rentner oder eben auch Dorf-Friseur Bernhard Schniederjohann. Ihr gemeinsames Ziel: Möglichst schnell Hilfe leisten, wenn jede Minute zählt.
Jetzt feiert die First-Responder-Einheit der DRK-Bereitschaft Wadersloh ihr zehnjähriges Bestehen. Am 1. April 2016 erfolgte die erste Alarmierung. Seitdem rückten die Helferinnen und Helfer in 532 Fällen aus, oftmals mit lebensrettenden Folgen.

„Bei uns sind alle mit Begeisterung dabei. Das war damals die richtige Entscheidung“, sagt Bereitschaftsleiter Lothar Westkemper zur damaligen Einrichtung der Gruppe unter seinem Vorgänger Bernhard Schniederjohann. Gemeinsam mit den Kameradinnen und Kameraden wurde das Jubiläum im kleinen Kreis bei Grillwurst und Kaltgetränken gefeiert.
Wertvolle Minuten überbrücken
Die Idee hinter den First Respondern ist einfach: Sie sollen die Zeit überbrücken, bis der reguläre Rettungsdienst eintrifft. Zwar gilt für einen Rettungswagen eine Hilfsfrist von zwölf Minuten, doch wenn der Rettungswagen aus Wadersloh bereits im Einsatz ist, müssen Fahrzeuge aus Lippstadt, Oelde oder Beckum anrücken. Dadurch können wertvolle Minuten verloren gehen. Genau hier setzt die ehrenamtliche Einheit an. „Die Differenz kann im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden“, betont Westkemper.
Alarmiert werden die First Responder rund um die Uhr durch die Leitstelle Warendorf. Über Funkmeldeempfänger erhalten sie eine kurze Einsatzmeldung mit den wichtigsten Informationen: Wo ist der Notfall? Wer ist betroffen? Was ist passiert? Parallel wird auch eine Alarmierungsübersicht ins DRK-Heim geschickt. Die Ehrenamtlichen sind dabei ausdrücklich kein Ersatz für den Rettungsdienst. Der Rettungswagen wird immer zusätzlich alarmiert. Die Aufgabe der First Responder besteht darin, erste medizinische Maßnahmen einzuleiten, Patienten zu betreuen und Angehörige zu unterstützen, bis die professionellen Rettungskräfte übernehmen.
Sechs Reanimationen in zehn Jahren
Die Einsätze reichen von Verkehrsunfällen über medizinische Notfälle bis hin zu Reanimationen. Sechs Mal mussten die Helferinnen und Helfer in den vergangenen zehn Jahren Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen. Ob diese Einsätze letztlich erfolgreich verliefen, erfahren die Ehrenamtlichen aus Datenschutzgründen meist nicht. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem Wundversorgung, Lagerung von Patienten, Blutdruck- und Blutzuckermessungen sowie die Kontrolle von Puls und Sauerstoffsättigung. Häufig unterstützen sie später auch den Rettungsdienst, etwa durch Tragehilfen, das Bereitstellen von Informationen oder die Betreuung von Angehörigen.
Ein Ehrenamt ohne Verpflichtung
Aktuell gehören 16 Frauen und Männer zur First-Responder-Gruppe. Alle verfügen mindestens über eine Sanitätsausbildung mit rund 60 Ausbildungsstunden und einer Abschlussprüfung. Hinzu kommen regelmäßige Fortbildungen und Schulungen, etwa zu neuen Reanimationsrichtlinien oder zum Umgang mit Material des Rettungsdienstes. Die Mitarbeit erfolgt vollständig ehrenamtlich und freiwillig. Dienstpläne gibt es nicht. Wer einen Alarm erhält, entscheidet selbst, ob er ausrücken kann. Während der Arbeitszeit ist dies oftmals nicht möglich, da es keine Freistellung oder Lohnfortzahlung gibt. Dennoch funktioniert das System seit zehn Jahren zuverlässig. Die Einsatzkräfte treffen in der Regel fünf bis zehn Minuten vor dem Rettungsdienst ein und können damit entscheidende Zeit gewinnen.
Investitionen aus eigener Tasche
Die First-Responder-Einheit finanziert sich weitgehend selbst. Die Kosten trägt die DRK-Bereitschaft Wadersloh, unterstützt durch Spenden und eigene Mittelbeschaffungsaktionen. Erschwert wird die Refinanzierung durch den Wegfall der Einnahmen durch die Altkleidersammlungen. In den vergangenen Jahren wurden unter anderem zusätzliche Schutzkleidung, Sicherheitsschuhe, ein Sanitätsrucksack, ein Reanimationsbrett, ein automatisierter externer Defibrillator (AED) sowie ein Kohlenmonoxid-Warner angeschafft. Allein dafür fielen Investitionen von rund 2.500 Euro an. Hinzu kommen laufende Kosten für Wartung und Verbrauchsmaterial. Mit Blick auf die Zukunft stehen weitere größere Anschaffungen an. Bereits 2026 müssen neue Funkmeldeempfänger beschafft werden. Die Kosten werden auf 5.000 bis 7.000 Euro geschätzt. Zudem wird nach rund 20 Jahren ein neuer AED benötigt.
Wer die Arbeit der First Responder in Wadersloh unterstützen möchte, kann gezielt an das Bereitschaftskonto des DRK Wadersloh spenden. Die Mittel fließen direkt in die Ausstattung der Einheit und helfen dabei, die schnelle Hilfe vor Ort auch künftig sicherzustellen. | Infos dazu hier
Nach zehn Jahren und mehr als 500 Einsätzen steht für die Ehrenamtlichen fest: Die Entscheidung für die Einführung der First Responder war richtig. Denn manchmal sind es genau diese wenigen Minuten, die den entscheidenden Unterschied machen.
Fotos/Text: B. Brüggenthies


