Wadersloh/Diestedde/Liesborn (mw/bb). Drei größere Bauvorhaben in nur einer Sitzung des Bauausschusses sind auch für die Gemeinde Wadersloh (sowie Pressevertreter und Gäste am Abend) keine alltägliche Angelegenheit. In Diestedde geht es gleich um zwei Entwicklungen, dazu kommen die Projekte in Liesborn und Wadersloh. Das Schlossgelände, Plättenkämpenweg, In der Breede und indirekt auch Wohnparks Mauritz und Rosenhöhe: Auf den ersten Blick ist das vor allem eines: viel neue Wohnfläche. Und ja: Die Vorlage der Sitzung war recht umfassend mit 675 Seiten (hoffentlich wurde das nicht alles ausgedruckt!). Hinter den einzelnen Bauvorhaben steckt eine wesentlich größere Frage: Wie viel Wohnraum braucht Wadersloh und welcher Wohnraum wird tatsächlich gebraucht?
Elisabeth Hollenhorst von den GRÜNEN hat diese Frage im Bauausschuss deutlich gestellt zwischen den Beratungspunkten der Tagesordnung. Ihre (berechtigte?) Sorge: Die Gemeinde könnte sich bei der Entwicklung neuer Wohnflächen zu stark auf das Prinzip „Wir brauchen Wohnungen“ verlassen, ohne genau genug zu untersuchen, welche Wohnungen künftig eigentlich benötigt werden. Rund 100, 60 und 60 Wohneinheiten stehen bei den diskutierten Projekten im Raum. Gleichzeitig gibt es mit dem Wohnquartier „Rosenhöhe“ in Wadersloh weiterhin ein noch nicht abgeschlossenes Entwicklungsvorhaben mit (wenn auch wenigen) freien Wohnmöglichkeiten.
So völlig abwegig ist die Überlegung nicht. Wohnungsbau ist schließlich nicht automatisch bedarfsgerechter Wohnungsbau. Ein neues Mehrfamilienhaus löst nicht zwingend das Problem einer Familie, die ein bezahlbares Einfamilienhaus sucht. Und eine neue Wohnung hilft einem älteren Menschen wenig, wenn sie zwar kleiner, aber trotzdem zu teuer ist. Für das Projekt am Wasserschloss wurden Mietpreise von etwa 12 bis 13 Euro pro Quadratmeter genannt. Das ist kein Pappenstiel.
Interessant wurde die Diskussion am Mittwochabend deshalb vor allem dort, wo sie über einzelne Bebauungspläne hinausging. Mehrere Ausschussmitglieder verwiesen auf die demografische Entwicklung, auf Häuser aus den 1970er- und 1980er-Jahren, die irgendwann auf den Markt kommen, und auf die Frage, was mit dem bestehenden Wohnungsbestand passieren soll. Gerade Liesborn liefert dafür ein gutes Beispiel (in den anderen Ortsteilen dürfte es deckungsgleich sein). Rudolf Winkelhorst (FWG) verwies auf Menschen, die auch im Alter in ihrem Ort bleiben möchten, aber möglicherweise irgendwann eine andere Wohnform benötigen. Das eigene, vielleicht inzwischen zu große Haus soll nicht zwangsläufig bedeuten, den Heimatort verlassen zu müssen.

Das ist eine andere Perspektive auf Wohnraumentwicklung: Nicht nur neue Baugebiete schaffen, sondern auch darüber nachdenken, wie sich der vorhandene Wohnraum verändert und wie er künftig genutzt werden kann. Gleichzeitig darf man die andere Seite nicht ausblenden. Bürgermeister Christian Thegelkamp nahm den Einwand der GRÜNEN sichtbar zum Anlass, die bisherigen Planungen zu verteidigen und verwies darauf, dass es in allen drei Ortsteilen kaum noch verfügbare Bauplätze gebe. In Diestedde ist die Situation besonders sichtbar. Dort bietet sich mit der ehemaligen Internatsfläche sogar die Möglichkeit, eine bereits baulich geprägte Fläche neu zu entwickeln. Zudem sogar von einem privaten Investor. Thegelkamp machte deshalb deutlich, dass die Verwaltung die Projekte nicht „ins Blaue hinein“ plane. Er verwies auf vorhandene Analysen und Daten aus der Gemeindeentwicklung und darauf, dass entsprechende Prozesse nicht innerhalb weniger Wochen entstehen, sondern teilweise über Jahre vorbereitet werden. Damit prallten im Bauausschuss zwei berechtigte Perspektiven aufeinander, was letztendlich darin resultieren muss, dass ein demokratischer Konsens gefunden werden muss.
Bemerkenswert ist deshalb weniger, dass Hollenhorst die Projekte kritisch hinterfragt hat. Bemerkenswert ist vielmehr, dass aus dieser Kritik eine tatsächlich grundsätzliche Diskussion entstehen konnte. Auch CDU, SPD und FWG griffen unterschiedliche Aspekte auf: Die Nachfrage, die Finanzierbarkeit, die Innenentwicklung, die ökologische Bedeutung von Freiflächen, den Generationenwechsel im Gebäudebestand und die Frage nach bezahlbarem Wohnraum. Das ist genau die Debatte, die Gemeindeverwaltung und Rat führen sollte, bevor aus einzelnen Bauprojekten eine langfristige Entwicklung wird.
Mehr Wohnungen können notwendig sein. Gleichzeitig kann es sinnvoll sein, bestehende Häuser besser zu nutzen, ältere Menschen beim Wechsel in kleinere Wohnungen mitzudenken und innerörtliche Flächen zu entwickeln. Und auch die Frage, ob jede innerörtliche Freifläche bebaut werden muss, verdient eine ehrliche Antwort. Verdichtung kann sinnvoll sein, sie ist aber nicht automatisch überall die beste Lösung. Es wäre zu einfach, die Positionen in „für neue Baugebiete“ und „gegen neue Baugebiete“ einzuteilen. Tatsächlich geht es um etwas anderes: Um die richtige Mischung aus Neubau, Bestand, Bezahlbarkeit, Demografie, Ortsentwicklung und finanzieller Belastbarkeit.

Elisabeth Hollenhorst hat dafür eine Bestandsanalyse eingefordert. Der Bürgermeister verweist auf bereits vorhandene Datengrundlagen. Am Ende muss die Politik entscheiden, welche Konsequenzen sie aus diesen Erkenntnissen zieht. Wadersloh, Diestedde und Liesborn brauchen bei der Wohnraumentwicklung einen klaren Blick auf den tatsächlichen Bedarf, ohne dabei notwendige Entwicklung auszubremsen. Dazwischen liegt die eigentliche politische Aufgabe. Bei so großen Bauprojekten in nur einer Sitzung und dann auch noch im kleinsten Ortsteil Waderslohs darf deshalb durchaus genauer hingeschaut werden, damit die Entwicklung auch in den kommenden Jahrzehnten noch zu den Menschen passt, die hier leben.
Kommentar: Benedikt Brüggenthies
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