Diestedde (mw/bb). Der Netto-Markt an der Langen Straße wird weiterhin geplant und nur einen Katzensprung davon entfernt könnten auf dem ehemaligen Internatsgelände von „Don-Bosco“ 88 neue Wohnungen entstehen (exklusive Erstmeldung hier bei MW+). Ein Baugebiet am Entruper Weg soll dann auch noch zeitnah kommen. Drei Stimmen aus Diestedde (Rainald Gehringhoff, Dr. Frank Röschinger und Hermann Schröer) sehen vor allem den Standort für den Netto kritisch. MW hat mit ihnen gesprochen.

Es sind drei Projekte, die für sich genommen unterschiedliche Ziele verfolgen und doch an derselben Frage rühren: Wie soll sich Diestedde an seiner markanten „Schokoladenseite“ entwickeln? An der Langen Straße ist seit Längerem (März 2025, MW berichtete in einer Erstmeldung) ein neuer Netto-Markt geplant. Auch das Neubaugebiet in unmittelbarer Nähe dazu wird eifrig geplant. Nun kommt in dieser Woche eine weitere Entwicklung hinzu: Auf dem ehemaligen Don-Bosco-Internatsgelände soll ein Wohnquartier mit insgesamt 88 Wohnungen entstehen. Damit zeichnet sich rund um das Wahrzeichen Schloss Crassenstein eine bauliche Entwicklung ab, die das Gesicht des Nikolausdorfs nachhaltig ändern würde.
Aber gerade dies Entwicklung des geplanten Supermarktes bereitet einigen Diesteddern Sorge. Schlossbesitzer Dr. Frank Röschinger, Bauunternehmer Hermann Schröer und Anwohner Rainald Gehringhoff teilen die Skepsis gegenüber den konkreten Planungen, vor allem des bisher geplanten Standorts „Schlosshof“ an der Sichtachse von Crassenstein. Dabei eint sie auch eine wichtige Gemeinsamkeit: Gegen eine funktionierende Nahversorgung hat keiner von ihnen grundsätzlich etwas, aber der Standort sei schwierig.
„Die Schokoladenseite Diesteddes“
Für Dr. Frank Röschinger beginnt das Problem bereits beim geplanten Netto-Standort auf dem ehemaligen „Schlosshof“-Areal (Anm. d. Red.: Aktuell ist in dem ehem. Hotel eine Großtagespflege untergebracht. Die Immobilie gehört der Gemeinde Wadersloh). Er fürchtet eine „architektonische Zerstörung des Ensembles“ durch einen „gesichtslosen Zweckbau“. Vor allem der Verlust von Grünflächen und die notwendige Versiegelung für Parkplätze seien aus seiner Sicht problematisch. Der Bereich sei schließlich die Eintrittspforte zum Ort. Das bestehende Gebäude habe Charme und lasse sich nicht einfach ersetzen. Auch die historische Prägung spiele eine Rolle: Früher habe es dort deutlich mehr Grün und keine von Parkflächen dominierte Fläche gegeben. (Anm. d. Red. Die GRÜNEN in Wadersloh fordern zufällig gerade das „Abpflastern“ auf öffentlichen Plätzen)
Hinzu kommt für Röschinger die Sorge um die bestehenden Geschäfte: Diestedde verfüge durchaus über eine kleine, aber feine Geschäftsszene, darunter zwei Bäckereien, eine Tankstelle mit Shop-Angebot, einen Gemüseladen mit Hofverkauf und einen Gemischtwarenladen. Ein Discounter könne mit seinem Sortiment zumindest teilweise in diese bestehenden Angebote hineinwirken.
Nahversorgung ja, aber nicht um jeden Preis?
Auch der Bauunternehmer Hermann Schröer lehnt einen neuen Lebensmittelmarkt nicht grundsätzlich ab. Er betrachtet die Sache allerdings vor allem aus wirtschaftlicher Perspektive. Ob sich der geplante Neubau für den Investor überhaupt rechne, sei angesichts gestiegener Baukosten, Inflation und hoher Zinsen fraglich. „Die Baukosten sind fast verdoppelt, die Inflation und Zinsen sind hoch“, beschreibt Schröer die Rahmenbedingungen im Gespräch mit MW. Ein Investor benötige dadurch höhere Mieten. Für ihn ist deshalb offen, ob die Kalkulation des Projektes am Ende überhaupt aufgeht. Architektonisch hält auch Schröer den Standort für problematisch. Ein solches Gebäude passe seiner Einschätzung nach eher in ein Industriegebiet.
Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Muss der neue Nahversorger ausgerechnet an dieser Stelle entstehen? Röschinger jedenfalls ist überzeugt, dass die Situation eine andere Lösung verdient habe. Es müsse auch andere Standorte für einen Netto geben. Seine Befürchtung: Es werde zu sehr nebeneinander geplant, ohne die Gesamtentwicklung des Ortsteils ausreichend zu betrachten. Diestedde zeichne sich gerade dadurch aus, ein ruhiges und angenehmes Dorf zu sein. Eine Entwicklung, die in ihrer Dimension eher großstädtische Züge annehme, passe aus seiner Sicht nicht dazu.
„Nicht den Berg runter und wieder hoch“
Auch Rainald Gehringhoff, der unmittelbar betroffen ist, sieht den Bereich rund um die Einfahrt zum Schloss besonders sensibel. Für ihn handelt es sich um die „Schokoladenseite Diesteddes“. Gleichzeitig kennt auch er das Argument für einen Nahversorger. Gerade ältere Menschen seien auf erreichbare Einkaufsmöglichkeiten angewiesen. Allerdings bezweifelt Gehringhoff, dass ein Markt an dieser Stelle für alle Senioren tatsächlich fußläufig attraktiv wäre. Wer den Berg mit mehreren Einkaufstaschen hinunterlaufe, müsse anschließend auch wieder hinauf. Aus seinem Bekanntenkreis kenne er ältere Menschen, die stattdessen den Bürgerbus nutzen und in Wadersloh einkaufen. Gehringhoff stellt deshalb die Frage, für wen die zusätzliche Einkaufsmöglichkeit tatsächlich geschaffen werde. Seine Position ist deutlich: Diestedde müsse nicht unbedingt Einkaufsmöglichkeiten für den Durchgangsverkehr schaffen.
Kommentar: Supermarkt – ja oder nein? Eine Antwort ist nicht einfach
Ein neuer Nahversorger könnte eine Lücke schließen. Immerhin ist der letzte Supermarkt in Diestedde bereits vor rund zehn Jahren geschlossen worden. Auch ein neues Wohnquartier auf einer seit Jahren ungenutzten Internatsfläche kann grundsätzlich einen sinnvollen Beitrag zur Ortsentwicklung leisten. Doch die drei Stimmen aus Diestedde mahnen vielleicht auch etwas, die einzelnen Projekte nicht isoliert zu betrachten. Sind die Sorgen um Ortsbild, Verkehr, Grünflächen und die gewachsene Struktur des Dorfes überhaupt berechtigt? Oder gehört eine Veränderung schlicht zu einer zeitgemäßen Ortsentwicklung dazu?
Die Herausforderung für Politik und Gemeindeverwaltung besteht darin, beides zusammenzubringen: Eine zeitgemäße Nahversorgung und neue Wohnangebote, ohne dabei genau jene Besonderheiten zu verlieren, die das Nikolausdorf Diestedde attraktiv machen. Wenn an der Langen Straße tatsächlich gebaut wird, gleichzeitig auf dem ehemaligen Internatsgelände ein neues Wohnquartier entsteht und in der Nähe am Entruper Weg ein weiteres Neubaugebiet hinzukommt, wird sich die „Schokoladenseite“ des Nikolausdorfes spürbar verändern. Die Frage ist deshalb nicht nur, ob Diestedde einen neuen Supermarkt braucht. Es geht auch darum, wo und wie sich das 890 Jahre alte Dorf überhaupt weiterentwickeln soll.
Die Themen Nahversorgung und neuer Wohnraum sind gute Argumente. Aber sie sollten nicht automatisch bedeuten, dass Ortsbild, Freiflächen und der dörfliche Charakter auf der Strecke bleiben. Die entscheidende Frage könnte also lauten: Erfolgt eine Weiterentwicklung behutsam oder ist es zu viel Veränderung auf einmal?
Was meint ihr? Schreibt uns gerne eine Mail an redaktion@mein-wadersloh.de
Weitere Meinungen zu den geplanten Großbauprojekten
Ich bin der Meinung sowohl ein Supermarkt wie auch das Wohnquatier eine gute Sache ist. Die ehemalige Schule ist abbruchreif und aus dem Schloßhof wird auch nichts neues mehr entstehen. Zusätzlich braucht man auf dem Schulgelände nicht Landwirtschaftliche Fläche umwandeln. Vielleicht entsteht da ja eine weitere Diestedder Perle.
MW-Leser Markus Berkensträter
Wie wäre es wenn man den vorhandenen Lebensmittelmarkt wieder aktiviert. Es gibt viele kleine Gemeinden im Münsterland wo das gut läuft. Ich denke ich bin nicht der einzige der mal drüber nachgedacht hat. Vor allem das Geschäft ist für ältere Menschen besser zu erreichen.
MW-Leser Reinhold Richter
Foto/Text/Kommentar: B. Brüggenthies
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