Liesborn (mw/bb) . Ein ungewöhnliches Kunstwerk hat am gestrigen Mittwoch, 10. September, seinen vorübergehenden Platz in der Ss. Cosmas und Damian Liesborn eingenommen: Das rund zwei mal zwei Meter große Lichtkreuz des Recklinghäuser Künstlers Ludger Hinse wird bis zum Christkönigsfest im Altarraum der Abteikirche zu sehen sein. Mit seinen farbigen, lichtdurchlässigen Elementen verändert das Kreuz je nach Tageszeit seine Wirkung und macht den Altarraum zu einem besonderen Zusammenspiel von Licht, Farbe, Kunst und Spiritualität.



Für den Transport wurde das großformatige Kunstwerk in einem größeren Sprinter angeliefert. Christian Serwotke und Christian Attermeyer von „Christian’s An- und Verkauf“ aus Münster übernahmen den sicheren Transport vom Atelier des Künstlers. Beide sind seit vielen Jahren mit der besonderen Fracht vertraut und sorgen regelmäßig dafür, dass Hinses empfindliche Kunstwerke sicher an ihren jeweiligen Ausstellungsorten ankommen. In Liesborn warteten bereits Pastor Wolfgang Menze sowie die beiden Küster Jürgen Rühl und Hans Gerd Westkemper auf die besondere Lieferung. Gemeinsam halfen sie bei der Montage des Kreuzes. Für die Beteiligten war es ein besonderer Moment, als das Kunstwerk erstmals vollständig im Altarraum stand und das Licht durch die farbigen Elemente brach. Auch Ludger Hinse selbst zeigte sich sichtlich beeindruckt von der Wirkung seines Werkes. „Aus Splittern werden Sterne“ mit diesem hoffnugnsvollen Gedanken beschreibt der Künstler die Symbolik seiner Kreuze. Die einzelnen farbigen Elemente stehen dabei für die Splitter des Lebens, die sich im Licht zu etwas Neuem verbinden können.
Eine Idee mit Berliner Wurzeln
Die Idee, ein solches Lichtkreuz nach Liesborn zu holen, entstand bereits Anfang des Jahres. Angestoßen wurde das Projekt von Pastor Wolfgang Menze. Aus seiner früheren Tätigkeit in Berlin kannte und schätzte er die Arbeiten Hinses und hatte dort bereits Aufstellungen von Splitterkreuzen erlebt. Die Begeisterung für die besondere Verbindung von Kunst und Glauben brachte Menze schließlich in das Seelsorgeteam in Wadersloh ein. Schnell war klar, dass Liesborn für eine solche Installation besonders geeignet sein könnte. Während in den umliegenden Kirchen große Kreuzdarstellungen zu finden sind, bietet die Abteikirche selbst bislang vor allem ein kleineres Kreuz im Seitenschiff. Das große Lichtkreuz setzt nun bewusst einen neuen Akzent im Kirchenraum. Wenn auch nur für ein paar Wochen.



Für Pastor Menze ist das Projekt eine Herzensangelegenheit. Er hofft, dass viele Menschen die Gelegenheit nutzen, das Kreuz zu betrachten, unabhängig davon, ob sie sich regelmäßig mit Kirche und Glauben beschäftigen oder vielleicht gerade auf der Suche nach Antworten sind. Die Installation soll ausdrücklich allen offenstehen. Das Kreuz möchte nicht nur Kunstinteressierte ansprechen, sondern auch Menschen, die sich mit den Themen Gott, Glaube, Hoffnung und dem eigenen Leben auseinandersetzen.
Plexiglas statt Glas
Auf den ersten Blick wirkt das Kreuz wie ein farbiges Glasfenster, tatsächlich besteht es jedoch aus Plexiglas. Normales Glas wäre für eine solche Konstruktion schlicht zu schwer. Die transparenten und farbigen Elemente wurden vom Künstler in mehreren Ebenen zusammengefügt. Die Herstellung erforderte Geduld: In insgesamt acht Arbeitssitzungen wurde das Kreuz geklebt. Zwischen den einzelnen Arbeitsschritten musste das Material immer wieder ausreichend aushärten. Fertiggestellt wurde das Werk bereits im vergangenen Jahr. Seine erste Ausstellung erlebte es anschließend in Ellrich in Thüringen.

Ludger Hinse arbeitet seit vielen Jahren mit Licht, Farbe und transparenten Materialien. Um die Wirkung seiner Kunstwerke auch in Innenräumen zu überprüfen, experimentiert der Künstler unter anderem mit Taschenlampen. So lassen sich Reflexionen und Farbwirkungen bereits im Atelier nachvollziehen. Je nach Lichteinfall verändert sich das Kreuz. Mal erscheinen einzelne Farben besonders kräftig, mal treten andere stärker hervor. Damit wird das Werk nicht zu einem statischen Gegenstand, sondern zu einer Installation, die sich im Laufe des Tages immer wieder neu präsentiert.
Das Kreuz als Licht- und Hoffnungszeichen
Das Kreuz gehört zu den zentralen Motiven in Hinses künstlerischem Schaffen. Seine Kreuzinstallationen sind inzwischen an zahlreichen Orten von Sylt bis in die Schweiz zu sehen. Immer wieder geht es ihm darum, mit Licht und Farbe Räume zu verändern und Menschen zum Nachdenken zu bringen. In Liesborn trifft diese Kunst auf einen Raum, dessen Bedeutung seit Jahrhunderten vom christlichen Glauben geprägt ist. Das Kreuz wird dabei nicht allein als Symbol des Leidens verstanden. Durch seine leuchtenden Farben wird es zugleich zu einem Zeichen der Hoffnung und – mit Blick auf Ostern – der Auferstehung Christi. Das Splitter-Sternenkreuz erzählt beim Betrachten eine einzigartige Geschichte: Aus dem Zerbrochenen, Schwierigen und Unvollkommenen kann etwas Neues entstehen. Das Licht, das durch die farbigen Elemente fällt, wird damit zum Sinnbild für Hoffnung und Veränderung.
Rahmenprogramm „Licht des Glaubens“ begleitet die Installation
Die Installation ist Teil der Veranstaltungsreihe „Licht des Glaubens“. Während der gesamten Ausstellungszeit kann das Lichtkreuz in der Abteikirche frei besichtigt werden. Ein umfangreiches Begleitprogramm soll zusätzlich unterschiedliche Zugänge zu Kunst, Musik, Bibel und Spiritualität eröffnen. Den Auftakt bildet am 13. September um 17 Uhr eine Vesper zum Vorabend des Festes Kreuzerhöhung. Mit dabei ist der Kammerchor an St. Margareta; die Predigt hält Pastor Wolfgang Menze. Am 20. September um 10 Uhr folgt das Festhochamt zum Fest Kreuzerhöhung mit Prof. Dr. Marco Benini aus Trier. An diesem Tag wird auch Ludger Hinse persönlich in Liesborn zu Gast sein.

Weitere Höhepunkte sind ein Konzertabend unter dem Lichtkreuz am 1. November mit Musik und Lyrik zum Thema Kreuz (weitere Infos dazu hier), ein Bibelerzählabend am 17. November mit Pastoralreferentin Anne Gravendyk, Diakon Dr. Joachim Forsting und der Gruppe „Momente“ aus Liesborn sowie eine Orgel-Soirée mit Daniel Tappe am 22. November als Abschlussveranstaltung.
Damit wird die Abteikirche in den kommenden Wochen nicht nur zum Ausstellungsort, sondern zu einem Ort der Begegnung. Kunst und Glaube treten miteinander in Dialog und das Lichtkreuz lädt dazu ein, den vertrauten Kirchenraum für einen Moment mit anderen Augen zu sehen. Bis zum Christkönigsfest haben Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, das Kreuz in der Abteikirche Liesborn selbst zu erleben. Vielleicht zeigt sich dabei für jeden Betrachter ein anderes Bild: ein farbiges Kunstwerk, ein ungewöhnliches Lichtspiel oder tatsächlich ein Zeichen dafür, dass aus den Splittern des Lebens neue Sterne entstehen können.
Hintergrund: Der Künstler Ludger Hinse


Ludger Hinse wurde 1948 in Recklinghausen geboren und zählt zu den bekannten zeitgenössischen Künstlern des Ruhrgebiets. Nach einer Ausbildung bei der Deutschen Bundespost und einem Studium der Sozialarbeit war er zunächst viele Jahre in der Gewerkschaftsarbeit tätig, bevor er sich intensiv der Kunst widmete. Seit Ende der 1980er-Jahre sind seine Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen. Bekannt wurde Hinse insbesondere durch seine Arbeiten mit Licht, Farbe und transparenten Materialien. Seine Kunstwerke und Kreuzinstallationen sind an vielen öffentlichen Orten und in Kirchen in ganz Europa zu finden. Mit seinen Arbeiten möchte der Künstler Räume verändern und Menschen zum Nachdenken über Hoffnung, Glauben und Menschlichkeit anregen. Das Lichtkreuz in Liesborn setzt diese Tradition fort – und bleibt dabei bewusst eine Installation auf Zeit.
Fotos/Text: B. Brüggenthies. Mein-Wadersloh.de war als einziges Medium vor Ort.
Vielen Dank für die Begegnungen an diesem Tag!




