Wadersloh (mw/bb). Der zweite Tag des 163. Wadersloher Schützenfestes stand nicht nur im Zeichen von Festzug, Jubiläen und musikalischen Höhepunkten. Vor allem die Reden an den Ehrenmalen verliehen dem Schützenfest-Sonntag eine besondere Tiefe. Die Themen Flucht, Vertreibung, Integration und die Verantwortung für Frieden zogen sich wie ein roter Faden durch die Gedenkveranstaltungen am Morgen und am Nachmittag.
Bereits am Vormittag erinnerte Festredner Mario Wachsmann bei der Kranzniederlegung bei Selhorst an die Schicksale von Vertriebenen und Geflüchteten nach dem Zweiten Weltkrieg. Anhand der Lebensgeschichten seines Großvaters Willi Ostrzinski und des langjährigen Ehrenobersts Rudi Sabellek zeigte er eindrucksvoll auf, welche Folgen Krieg und Gewaltherrschaft für einzelne Menschen und ganze Familien hatten. Beide Männer seien stellvertretend für tausende Wadersloherinnen und Wadersloher, deren Lebenswege von Flucht und Vertreibung geprägt wurden.

Wachsmann schilderte bewegende Episoden aus den Erinnerungen beider Männer: Die Flucht des elfjährigen Willi Ostrzinski über das zugefrorene Haff sowie die wochenlange Fahrt Rudi Sabelleks in überfüllten Viehwaggons Richtung Westen. Dabei spannte er den Bogen von den Verbrechen des Nationalsozialismus bis zu heutigen Konflikten in Europa und der Welt. Krieg, so seine zentrale Botschaft, führe damals wie heute zu Flucht, Leid und Heimatverlust.
Gleichzeitig richtete Wachsmann den Blick auf die Nachkriegszeit in Wadersloh. Die Integration der zahlreichen Vertriebenen und Evakuierten sei keineswegs selbstverständlich gewesen. Viele Neuankömmlinge hätten Vorurteile und Ablehnung erlebt, seien aber im Laufe der Jahrzehnte zu prägenden Mitgliedern der Dorfgemeinschaft geworden. Als Beispiel führte er erneut Rudi Sabellek an, der trotz anfänglicher Vorbehalte später über zwei Jahrzehnte an der Spitze des Schützenvereins stand. Sein Fazit: Wadersloh verdanke den Vertriebenen, Geflüchteten und ihren Nachkommen einen wichtigen Teil seiner heutigen Identität.
Frieden ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine tägliche Aufgabe
Am Nachmittag setzte Oberst Rudi Vienenkötter bei der Gedenkfeier am Ehrenmal ähnliche Akzente. In seiner Ansprache fragte er nach dem Sinn des Gedenkens und gab zugleich die Antwort: Das Ehrenmal sei ein Ort gegen das Vergessen. Die dort verewigten Namen erinnerten an Menschen, deren Leben durch Krieg und Gewalt beendet wurde. Zugleich mahnten sie, wohin Hass, Fanatismus und Gleichgültigkeit führen können.
Vienenkötter schlug dabei die Brücke zur Gegenwart. Angesichts des Krieges in der Ukraine und weiterer Krisenherde sei Frieden keine Selbstverständlichkeit, sondern eine tägliche Aufgabe. Er warnte vor gesellschaftlicher Gleichgültigkeit, sprach über die Bedeutung demokratischer Werte und appellierte an die Verantwortung jedes Einzelnen, sich für Menschlichkeit und Zusammenhalt einzusetzen. Besonders eindringlich war seine Mahnung, dass Frieden und Freiheit keine Naturgesetze seien, sondern immer wieder neu verteidigt werden müssten.





Zum Abschluss dankte Vienenkötter den Beteiligten der Kranzniederlegung und würdigte ausdrücklich die Worte von Mario Wachsmann. Damit schloss sich der Kreis eines Tages, an dem das Schützenfest weit mehr war als Brauchtumspflege. Zwischen Fahnen, Musik und Festbetrieb standen die Erinnerung an die Vergangenheit und die Verantwortung für die Zukunft im Mittelpunkt.

Während am Abend die Feierlichkeiten mit dem Jubiläum des Fanfarencorps Wadersloh und der großen Jubiläumsparty fortgesetzt wurden, blieb die Botschaft der Redner nachklingend: Nie wieder Krieg, kein Platz für Ausgrenzung und ein gemeinsames Eintreten für Frieden, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Fotos/Text: B. Brüggenthies, Foto Selhorst: S. Wapelhorst
Hinweis in eigener Sache: Unsere Berichterstattung zum Schützenfest in Wadersloh wird durch ein Sponsoring des KFZ-Meisterbetriebs Baumeister GmbH ermöglicht. Vielen Dank für die Unterstützung lokaler Berichterstattung!


