Wadersloh-Diestedde (mw/bb). Es ist kurz nach 8.30 Uhr, als auf Schloss Crassenstein ein neues Kapitel der bewegten Geschichte des Bauwahrzeichens aufgeschlagen wird. Das Kapitel beginnt nicht mit „Es war einmal“, aber mit einem herzlichen „Namaste“. Einem Märchen gleicht die Wiederbelebung des Bildungsstandorts Crassenstein dennoch: 22 junge Frauen und Männer aus Indien sind an diesem Freitagmorgen offiziell am frisch gegründeten Karriere-Campus DE begrüßt worden. Vor ihnen liegen Monate des Lernens, des Ankommens und der Vorbereitung auf eine berufliche Zukunft in Deutschland. Hinter ihnen liegt eine lange Reise, vor ihnen ein neuer Lebensabschnitt.



Im historischen Gemäuer des Diestedder Wasserschlosses versammeln sich die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam mit Projektverantwortlichen, Vertretern aus Politik, Bildung und Kirche sowie zahlreichen Wegbegleitern zum offiziellen Kick-off. Bei dieser Begrüßung nur von einem Festakt zu reden, wäre fast schon eine Untertreibung. Sogar der ugandische Botschafter ist als Ehrengast vor Ort. Vertreterinnen der Kommunen Wadersloh und Oelde, sowie deren Volkshochschulen und Gäste aus der Wirtschaft sind vor Ort. Ebenso 22 junge Menschen, die im kleinen Festsaal ihren gemeinsamen Startpunkt eines Weges beschreiten, der Sprache, Bildung, Integration und berufliche Perspektiven miteinander verbinden soll.
„Namaste – Swagat!“ – Mit diesen Worten begrüßte Schlossherr Dr. Frank Röschinger die Anwesenden. Das Schloss Crassenstein, so betont er, sei eigentlich seit rund 75 Jahren ein Ort des Lernens und der Lehre. Nun werde diese Tradition fortgesetzt und das vielfältiger denn je. Der Karriere-Campus soll dabei zu einer Brücke zwischen Kontinenten und Kulturen werden. Auch Bürgermeister Christian Thegelkamp macht die Bedeutung des Tages deutlich. Für die Gemeinde Wadersloh sei mit dem Start des Projekts ein großes neues Kapitel auf Schloss Crassenstein aufgeschlagen worden. Die ersten 22 jungen Inderinnen und Inder werden in den kommenden Monaten ihre Deutschkenntnisse erweitern und zugleich mit dem Leben und der Kultur in Deutschland vertraut werden.
Die Sprache als erster Zukunfts-Schlüssel
Der Freitagmorgen gibt dabei einen Vorgeschmack auf das, was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet. Schon am kommenden Montag beginnt der intensive Sprachunterricht. Das Programm ist zunächst auf acht Monate angelegt und führt von A1 bis zum angestrebten Niveau B2. Vier Stunden Deutschunterricht täglich sollen die sprachliche Grundlage für den weiteren Weg schaffen. Beteiligt sind gleich zwei Volkshochschulen: Beckum-Wadersloh und Oelde-Ennigerloh. Der Campus möchte noch einen Schritt weiter gehen: Wohnen, Lernen und persönliche Entwicklung sollen miteinander eng verzahnt werden. Sport und Fitness, kulturelle Aktivitäten sowie die Förderung von Kommunikation und Persönlichkeit gehören ebenfalls zum Konzept. Die Sprache ist der Schlüssel zu Ausbildung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe.
Vom Diestedder Wasserschloss in die Region
Nach erfolgreicher Sprachausbildung sollen sich für die jungen Menschen konkrete Wege in eine Berufsausbildung in der Region öffnen. Vorgesehen sind unter anderem Perspektiven in der Mechatronik, Metalltechnik, Informatik, Lebensmitteltechnik, in kaufmännischen Berufen und in der Pflege. Damit verbindet sich eine weitere Hoffnung: Fachkräfte zu gewinnen und gleichzeitig jungen Menschen aus Indien eine Perspektive zu geben. Die Projektverantwortlichen sehen in dem Ansatz ein Pilot- und Leuchtturmprojekt. Nicht zuletzt deshalb, weil verschiedene Elemente, von Sprachförderung und Wohnen über Integration bis hin zur beruflichen Orientierung, an einem Ort zusammengeführt werden sollen. Für Schloss Crassenstein bedeutet der Start zugleich einen sichtbaren Neuanfang: Nach dem seit 2023 andauernden Leerstand soll wieder Leben in die früheren Internatsbereiche einziehen. Aus dem historischen Schloss soll wieder ein Bildungs- und Begegnungsort werden.
Der offizielle Auftakt schafft ein starkes Netzwerk
Der offizielle Auftakt ist deshalb bewusst von vielen Stimmen an diesem Vormittag geprägt. Gründer und Geschäftsführer Anish Joy Kallookadan eröffnete die Veranstaltung. Es folgen unter anderem Beiträge des strategischen Beraters Dr. Frank Röschinger, des Beraters und Mentors Dr. Reinhold Festge, von Integrationsbegleitern sowie Bürgermeister Christian Thegelkamp (Wadersloh) und Bürgermeisterin Karin Rodeheger (Oelde). Auch Vertreter der beiden Volkshochschulen und der Kirchen sind beteiligt. Im Mittelpunkt aber stehen die 22 Kandidatinnen und Kandidaten, die sich kurz vor Ende einzeln persönlich vorstellen und ihren Berufswunsch kundtun.




Kallookadan selbst kennt den Weg von Indien nach Deutschland aus eigener Erfahrung. Er hat in bisher 17 Jahren Ausbildung, Studium und Beruf hier durchlaufen und dabei die Chancen, aber auch die Hürden des deutschen Bildungs- und Arbeitssystems kennengelernt. Aus dieser Erfahrung heraus entstand auch die Idee für den Karriere-Campus. Am Ende des offiziellen Auftakts richtet Kallookadan den Blick noch einmal auf die Menschen, die hinter dem Projekt stehen. Er bittet die erste Reihe mit den Hauptprojektträgern, sich umzudrehen. Dahinter sitzen jene Wegbegleiter, die ihn über Jahre unterstützt haben. Ein Moment des Dankes und zugleich ein Moment, der zeigt, dass dieses Projekt auf einem breiten regionalen Netzwerk aufbaut. Und das in einem so kleinen Ort wie Diestedde.
Ein Zuhause auf Zeit
Für die 22 jungen Menschen beginnt damit nicht nur ein Ausbildungsprogramm. Sie sollen in den kommenden Monaten ein Stück Deutschland kennenlernen und zugleich selbst Teil dieser Region werden und eine Heimat finden. Ein Wunsch, den Pater Davis Elanjickal, Seelsorger in Oelde-Stromberg, teilt und daran erinnerte, dass der Schritt in ein neues Land Mut erfordert. Die jungen Menschen seien nicht nur zum Lernen und Arbeiten gekommen. Genau darin liegt die besondere Idee des Projekts in Diestedde: Integration soll nicht erst nach der Ankunft beginnen, sondern von Anfang an Teil des Weges sein.

Die Sprachbarriere soll abgebaut, kultureller Austausch ermöglicht und ein Netzwerk geschaffen werden. Der Weg ist damit erst eröffnet. Am Freitagmorgen hat er auf Schloss Crassenstein begonnen. Nun folgen die ersten Unterrichtsstunden, die ersten deutschen Wörter und viele weitere kleine Schritte auf dem Weg in eine neue Zukunft. Ein Satz bleibt dabei als Leitgedanke des Auftakts: „Keine Angst vor Fehlern.“ Denn wer eine neue Sprache lernt, eine neue Kultur kennenlernt und in einem neuen Land Fuß fassen will, muss vor allem eines tun: Anfangen.
Kommentar: Eine neue Brücke am Schloss
Rund um Schloss Crassenstein gibt es viele Brücken. Eine davon ist die beliebte Nikolausbrücke, die seit jeher den Weg über den Mühlenbach weist und Schloss und Umgebung miteinander verbindet. Und auch die Brücken, die zum Schloss selbst führen erzählen viele Geschichten.

In diesen Tagen ist nun sinnbildlich eine weitere Brücke hinzugekommen. Sie ist nicht aus Stein, Holz oder Stahl gebaut. Stattdessen verbindet sie Menschen: Junge Frauen und Männer aus Indien mit ihrer neuen Umgebung, mit der deutschen Sprache und mit der Region, in der sie in den kommenden Monaten leben, lernen und arbeiten werden. Es geht um Begegnung, um gegenseitiges Verständnis und darum, Grenzen zwischen Kulturen zu überwinden und dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Der Karriere-Campus DE baut damit nicht nur an beruflichen Perspektiven, sondern auch an einer Verbindung zwischen zwei Welten. Ob alle Projektbeteiligten schon erkannt haben, welche einzigartige Chance ich hier für unsere Region eröffnen kann? Dorf-Kultur-Leben: Mein-Wadersloh.de wünscht den Gästen aus Indien einen guten Start!
Fotos/Text/Kommentar: Benedikt Brüggenthies



