Wadersloh (mw/bb). Reichen organisatorische Maßnahmen und Aufsicht aus oder braucht es dafür eine bauliche Veränderung der Toilettenanlagen? Der Streit um die Schultoiletten an der Sekundarschule Wadersloh geht in die nächste Runde. Nach der politischen Debatte im Frühjahr hat die Schulpflegschaft nun eine Petition gestartet. Darin wird der Schulträger aufgefordert, die bereits diskutierten baulichen Veränderungen an den Toiletten umzusetzen. Im Mittelpunkt steht der Schutz der Schülerinnen und Schüler vor unerwünschten Einblicken und möglichen heimlichen Foto- oder Videoaufnahmen.
Die Petition wurde von Melanie Hausmann, Vorsitzende der Schulpflegschaft der Sekundarschule, initiiert und richtet sich an die Gemeindverwaltung Wadersloh als Schulträgerin sowie die politischen Entscheidungsträger. Bis November sollen Unterschriften gesammelt werden. Die Initiatoren wollen damit deutlich machen, dass Eltern, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und weitere Bürgerinnen und Bürger hinter der Forderung nach einem Umbau stehen.
Offene Kabinen sorgen fĂĽr Kritik
Hintergrund ist die bauliche Situation der Toilettenanlagen an der Sekundarschule. Zwischen den einzelnen Kabinen bestehen nach Angaben der Initiatoren sowohl oberhalb als auch unterhalb der Trennwände größere offene Bereiche. Dadurch sei es grundsätzlich möglich, von außen Einblick in eine benachbarte Kabine zu nehmen. Vor dem Hintergrund der alltäglichen Nutzung von Smartphones sehen Eltern und Schule darin ein Problem für die Privatsphäre. Die Petition verweist auf die Sorge, dass Mobiltelefone in die Kabinen gehalten und damit heimlich Fotos oder Videos angefertigt werden könnten. Nach Darstellung der Schulpflegschaft meiden einige Schülerinnen und Schüler deshalb inzwischen den Gang zur Toilette während des gesamten Schultages. Die Initiatoren sprechen von einem „unhaltbaren Zustand“ und fordern bauliche Veränderungen, die die Sichtmöglichkeiten dauerhaft beseitigen.
Konkrete Fälle heimlicher Aufnahmen an der Sekundarschule Wadersloh waren in der bisherigen politischen Debatte allerdings nicht bekannt geworden. Das Thema wurde vielmehr aus dem Schutzkonzept der Schule gegen sexualisierte Gewalt heraus aufgegriffen. Die Schulleitung hatte bereits im Mai 2024 gegenüber dem Schulträger jedoch darauf hingewiesen, dass Schülerinnen und Schüler die Toiletten teilweise als „Angstraum“ wahrnehmen.
14.000 Euro waren ursprĂĽnglich vorgesehen
Die aktuelle Petition verweist außerdem auf die Haushaltsplanung der Gemeinde. Nach Angaben der Initiatoren waren für das Jahr 2025 ursprünglich 14.000 Euro für die Maßnahme vorgesehen und beschlossen worden. In der politischen Beratung im Mai dieses Jahres war dagegen von rund 19.000 Euro die Rede. Diese Summe bezog sich auf den vollständigen Austausch der Trennwände sowie notwendige Anpassungen bei Beleuchtung und Belüftung. Die Kosten waren dabei ein Bestandteil der Diskussion. Gleichzeitig ging es um die grundsätzliche Frage, ob ein Umbau tatsächlich die richtige Antwort auf die Probleme in den Toilettenanlagen ist.
Politik setzte zunächst auf Aufsicht
Der Ausschuss für Schule, Kultur und Sport hatte sich vor der Sommerpause im Mai 2026 intensiv mit dem Thema beschäftigt. Ein Antrag auf eine sofortige bauliche Umsetzung fand damals keine Mehrheit. Stattdessen sollten zunächst schulorganisatorische Maßnahmen verstärkt und die Situation später erneut bewertet werden. Ein wesentlicher Vorschlag war eine stärkere Aufsicht. Vertreter der CDU hatten bei einem Ortstermin die bestehenden Toiletten als funktional und hygienisch in gutem Zustand bewertet. Gleichzeitig wurde die Frage aufgeworfen, ob ein vergleichsweise umfangreicher Umbau tatsächlich erforderlich sei.
Auch Bürgermeister Christian Thegelkamp verwies auf Erfahrungen anderer Schulen und Kommunen. Dort würden teilweise organisatorische Maßnahmen wie Aufsichten eingesetzt. Warum dies an der Sekundarschule Wadersloh nicht funktionieren sollte, sei für ihn nicht abschließend nachvollziehbar gewesen. MW berichtete dazu (MW+). Die Toiletten im Bereich der Jahrgänge fünf und sechs verfügen bereits über elektronische Schließsysteme, die während des Unterrichts genutzt werden. Nach Angaben der Verwaltung seinerhzeit gebe es dort kaum Probleme. Anders sei die Situation in den großen Pausen bei den zentralen Toilettenanlagen im Bauteil A an der Mensa, die von Schülerinnen und Schülern verschiedener Jahrgänge genutzt werden.
Schulpflegschaft hält Aufsicht für keine dauerhafte Lösung
Die Initiatoren der Petition widersprechen diesem Ansatz. In der Begründung heißt es sinngemäß, Lehrkräfte seien Pädagogen und keine „Toiletten-Wächter“. Eine dauerhafte Überwachung sei im Schulalltag personell nicht leistbar und könne aus Sicht der Elternschaft die Privatsphäre zusätzlich beeinträchtigen.
Der entscheidende Unterschied liegt damit in der Bewertung der Ursache: Während organisatorische Maßnahmen vor allem das Verhalten in den Toiletten kontrollieren sollen, setzt die Schulpflegschaft auf eine bauliche Lösung, die unerwünschte Einblicke von vornherein erschwert oder verhindert.
Auch Schulleiterin Klementine Reuter hatte in der Mai-Debatte zwischen verschiedenen Problemen unterschieden. Vandalismus könne durch Aufsicht und organisatorische Maßnahmen beeinflusst werden. Die Angst vor heimlichen Handyaufnahmen lasse sich aus ihrer Sicht dagegen nur durch bauliche Veränderungen nachhaltig reduzieren.
Schulkonferenz befasst sich am 5. Oktober erneut mit dem Thema
Die Diskussion ist damit noch nicht abgeschlossen. Nach Angaben der Petition hat die Schulpflegschaft das Thema bei ihrer Sitzung am 29. September erneut beraten. Auch die Schulkonferenz der SKW soll sich am 5. Oktober nochmals mit der Situation befassen. Die Petition soll bis November weiterlaufen. Anschließend sollen die gesammelten Unterschriften dem Schulträger und der Politik übergeben werden. Die Initiatoren verbinden damit mehrere Forderungen: Privatsphäre müsse als grundlegender Bestandteil des Schutzes von Kindern und Jugendlichen verstanden werden. Gleichzeitig soll mit den Unterschriften dokumentiert werden, dass die Forderung nach einem Umbau nicht nur von einzelnen Eltern oder Schülerinnen und Schülern getragen werde.
Damit dürfte die Frage der Schultoiletten die Gemeinde auch politisch weiter beschäftigen. Im Kern geht es inzwischen weniger um die grundsätzliche Feststellung, dass die Privatsphäre der Schülerinnen und Schüler geschützt werden soll, sondern um den Weg dorthin:
Nach der Windkraft die Schultoiletten: Steht in Wadersloh der nächste BĂĽrgerentscheid bevor? – KOMMENTAR
Nach der Windkraftanlagen-Debatte könnte in Wadersloh möglicherweise bereits die nächste ungewöhnliche Form der Bürgerbeteiligung bevorstehen. Sollte die Auseinandersetzung um die Schultoiletten weiter an Schärfe gewinnen und die Petition eine breite Unterstützung erfahren (aktuell haben 384 die Online-Petition unterschrieben, Stand: 1. Oktober 2026), wäre ein weiterer Bürgerentscheid zumindest als politisches Szenario denkbar. Ob es tatsächlich dazu kommt, hängt allerdings von der weiteren Entwicklung und den rechtlichen Voraussetzungen ab. Nach der kontroversen Diskussion um die Windenergie könnte auch die Schultoiletten-Debatte auf kommunalpolitischer Ebene interessant werden. Noch ist es dafür zu früh. Die Petition steht erst am Anfang. Doch die Frage, wie viel Privatsphäre Schülerinnen und Schüler in ihren Toiletten haben sollen, berührt einen sehr unmittelbaren Lebensbereich und könnte damit durchaus das Potenzial für eine ungewöhnlich breitere öffentliche Debatte haben. Das spiegelt sich auch in den Kommentarspalten der Petition wider.
Fotos/Text: B. BrĂĽggenthies



